
Arethusa und Alpheios
die Quelle von Syrakus
überhaupt nicht gruselig
Arethusa war eine Nymphe, die der Göttin Artemis durch die Wälder Griechenlands folgte. Eines Tages, als sie in einem Fluss badete, verliebte sich der Gott dieses Flusses, Alpheios, in sie und begann sie zu verfolgen, aber sie wollte nichts von ihm wissen. Um ihr zu helfen, verbarg Artemis sie in einer Wolke; die Nymphe, in Angst, löste sich in Wasser auf, und die Göttin öffnete die Erde, damit sie unter dem Meer bis zur Insel Ortygia in Sizilien fließe. Doch Alpheios gab nicht auf: Auch er durchquerte das Meer unter den Wellen, um sein Wasser mit dem der Quelle zu vereinen. Ovid erzählt es.
Wusstest du schon? Die Arethusa-Quelle, wenige Meter vom Meer entfernt, hat heute wegen eindringenden Meerwassers brackiges Wasser, und ihr Becken ist reich an Papyrus.
Die Geschichte
Als die Göttin Ceres ihre Tochter nach langem Suchen wiederfand, wollte sie etwas wissen. Sie hatte eine Quelle gesehen, die aus weiter Ferne kam, und ein Wasser, das keinem der anderen glich.
„Warum bist du eine heilige Quelle geworden?“, fragte sie Arethusa.
Es war fast Abend, und ringsum war die Welt wieder ruhig geworden. Vom Grund der Gewässer hob die Nymphe den Kopf. Sie wischte sich mit den Händen die grünen Haare trocken. Und sie begann ihre Erzählung.
„Ich war eine Nymphe aus Achaia“, sagte sie. „Ich jagte. Ich streifte durch die Wälder, mit zwischen den Pfaden gespannten Netzen. Mit einer Sache habe ich nie geprahlt: mit meiner Schönheit. Sie kam mir wie eine Kleinigkeit vor. Ja, es kam mir fast wie eine Schuld vor, dass die Leute mich ansahen.
Eines Tages kam ich aus dem Wald von Stymphalos, müde und erhitzt, und fand einen Bach. Er war klar, so klar, dass man die Steine auf dem Grund zählen konnte. An den Ufern standen silbrige Weiden und Pappeln, und der Schatten war kühl. Ich prüfte das Wasser mit einem Fuß. Dann mit dem anderen. Dann ging ich bis zu den Knien hinein. Ich hängte das Gewand an eine Weide und tauchte ein.
Das Wasser war kühl auf der müden Haut. Eine Weile dachte ich an nichts: Ich schwamm, bewegte mich, spielte mit dem Wasser, als ich mitten in der Strömung ein Murmeln hörte.
Mir gefror das Blut. Es war niemand da, aber das Wasser selbst schien eine Stimme zu haben. Ich rannte zum Ufer.
Und eine heisere Stimme stieg aus den Wellen. ‚Wohin läufst du?', fragte sie mich. Dann noch einmal: ‚Wohin läufst du?'
Es war Alpheios, der Gott des Flusses. Er war dort, unter dem Wasser, und hatte mich gesehen.
Ich floh. Ich hatte das Gewand nicht bei mir, es war auf dem anderen Ufer geblieben, und es war keine Zeit umzukehren. Er jagte mir noch schneller nach. Ich rannte wie eine Taube, die vor dem Sperber flieht. Er flog wie der Sperber hinter der Taube her.
Ich rannte durch Orchomenos, durch Psophis, durch Kyllene. Ich rannte durch die Berge des Mänalon, über den eisigen Erymanthos, bis nach Elis. Er war stärker als ich, und mein Atem wurde immer kürzer. Die Beine wurden schwer, das Herz schlug in den Ohren, die Steine schnitten mir in die Füße. Ich konnte nicht mehr lange weiter.
Die Sonne ging unter. Ich sah einen Schatten vor meinen Füßen. Es war seiner. Ich hörte seine Schritte hinter mir. Ich spürte seinen Atem auf meinen Haaren, warm.
Da rief ich Diana.
‚Hilf mir', sagte ich, ‚oder ich bin verloren.'
Die Göttin hörte mich. Sie hüllte mich in eine dichte, dunkle Wolke.
Alpheios blieb stehen. Er ging zweimal um die Wolke herum und suchte mich. Er rief: ‚Arethusa! Arethusa, he!' Ich war dort drinnen, still wie ein Lamm, das die Wölfe nahe spürt, wie ein Hase, der sich zwischen den Büschen versteckt, während die Hunde um ihn kreisen. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Ich wagte nicht zu atmen. Rings um mich war die Wolke feucht und still, und draußen hörte ich seine Schritte, die kreisten und kreisten.
Und er blieb und sah die Wolke an. Er ging nicht fort.
Ein kalter Schweiß überfiel meine Glieder. Mein Körper gehörte mir nicht mehr. Von den Haaren fielen Tropfen, an den Füßen bildeten sich kleine Pfützen. Es war etwas Süßes und Schreckliches zugleich. Noch bevor ich es merkte, begann mein Körper sich aufzulösen. Ich verwandelte mich in Wasser. Ich wurde ein Bach.
Alpheios erkannte dieses Wasser. Er erkannte es, und er liebte es. Da legte er die Menschengestalt ab und wurde wieder, was er war, ein Fluss, um seine Wasser mit den meinen zu vermischen.
Aber Diana hörte uns noch. Sie öffnete die Erde. Ich tauchte in die Öffnung und stieg hinab, durch lichtlose Höhlen, bis zu einer Insel, die meiner Göttin lieb ist: Ortygia. Unter mir war Dunkelheit, über mir das Meer, und ich ging und ging, ohne Namen und ohne Furcht. Und dort stieg ich schließlich wieder in die Luft auf. Dort siehst du mich.“
So sprach Arethusa zu Ceres. Die Göttin hörte bis zum Ende zu, ohne sie zu unterbrechen.
Und die Geschichte sagt nichts weiter. Sie sagt nur, dass seitdem in Syrakus, auf der Insel Ortygia, eine Quelle genau am Meer entspringt. Man sagt, das Wasser des Alpheios, des Flusses in Griechenland, erreiche sie unter den Wellen, um sich mit ihr zu vereinen.
Wenn du nach Ortygia kommst, ist die Quelle dort, in der Via Castello Maniace, zum Meer hin gewandt, im Herzen der Stadt. Das halbrunde Becken stammt von etwa 1843, und in der Mitte wachsen Papyruspflanzen, die die Sizilianer papere nennen. Einst war das Wasser süß und rein; heute ist es brackig, weil das Meer eindringt. Nahe der Quelle steht eine Statue von Biagio Poidomani, die Alpheios und Arethusa zusammen darstellt. In der Umgebung sind drei alte Gerbereien wieder ans Licht gekommen, wo man dieses Wasser seit dem achtzehnten Jahrhundert zur Behandlung von Häuten benutzte. Und bei Sonnenuntergang, so sagt man, hat man von dort einen der schönsten Ausblicke auf die Stadt.
Du setzt dich auf den Rand. Das Meer ist ein paar Schritte entfernt, und von hüben und drüben des Wassers kommen die Stimmen der Stadt gedämpft herüber. Das Wasser bewegt sich leise, und die Papyruspflanzen neigen sich kaum. Du denkst an jenen Fluss in Griechenland, so weit weg, und an jene Nymphe, die, um nicht ergriffen zu werden, zu Wasser geworden ist.
Es gibt auch Leute, die die Szene anders erzählen und sie in den Fluss Alpheios auf dem Peloponnes verlegen. Aber die Geschichte endet in beiden Fassungen am selben Punkt: zwei ferne Wasser, die sich suchen, und eine Insel, wo sie sich wiederfinden.
Vielleicht macht das bei einer Quelle den Unterschied: nicht so sehr, woher sie kommt, sondern wo sie ankommt.
Verwandte in aller Welt
Hör rein / Lies weiter
- Musik zum Lesen: Cinematic JourneyEpische Filmmusik ohne Gesang von Ciro Simone IrmiciSpotifyYouTube Music
Quellen
- Ovidio, «Metamorfosi», libro V
- ENIT, italia.it, «Fonte Aretusa»
